Notfallverhütung

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Seit kurzem darf die „Pille danach“ auch ohne Rezept abgeben werden. Welche Fragen müssen Sie der Kundin vorab stellen, welche Kontraindikationen gibt es und was ist sonst noch zu beachten?

Nachdem die EU-Kommission das Notfallkontrazeptivum Ulipristalacetat aus der Rezeptpflicht entlassen hat, kam Mitte März dieses Jahres bei uns der OTC-Switch für Arzneimittel mit 30 Milligramm Ulipristalacetat und aufgrund einer nationalen Entscheidung auch für 1,5 Milligramm Levonorgestrel (LNG). In Deutschland wird schon seit einiger Zeit über die Rezeptpflicht der „Pille danach“ diskutiert, der Bundesgesundheitsminister hatte sich aber bislang dagegen ausgesprochen. Da aber das UPA-haltige Arzneimittel eine europäische Zulassung besitzt, wurde ihm die Entscheidung abgenommen. Die europäische Behörde hat sich aufgrund guter Erfahrungen in anderen europäischen Ländern, in denen die „Pille danach“ schon länger ohne Rezept abgegeben werden durfte, so entschieden.

Die Notfallverhütung ist keine Abtreibungspille. Beide Substanzen haben eine große therapeutische Breite und sind relativ gut verträglich. Zudem spielt die Zeit eine wichtige Rolle. Je eher die Tablette nach dem ungeschützten Verkehr eingenommen wird, desto sicherer wirkt sie – am besten in den ersten zwölf Stunden. Der Frauenarzt mag besser beraten können, da es aber meist in der Nacht oder am Wochenende passiert, ist er häufig nicht so schnell zu erreichen. Und in den ärztlichen Notdienstzentralen muss man schon Glück haben, wenn man gerade einen Gynäkologen antrifft. Fürchten Sie sich also nicht vor der Beratung oder der Abgabe! Wir haben für Sie, angelehnt an die Leitlinie der Bundesapothekerkammer, die wesentlichen Fragen, die Sie stellen müssen und die Informationen, die Sie geben müssen, zusammengestellt.

Zugelassenes Zeitfenster? Die erste Frage, die Sie der Kundin stellen müssen, ist: Wann hat der ungeschützte Verkehr stattgefunden? Ulipristalacetat (UPA) muss innerhalb von 120 Stunden, also fünf Tagen, eingenommen werden, bei Levonorgestrel (LNG) sind es nur 72 Stunden, also drei Tage. Je eher, desto besser. Die Einnahme außerhalb dieses Zeitfensters ist komplett sinnlos. Hier sollten Sie den Gang zum Gynäkologen empfehlen und nichts abgeben. Da die „Pille danach“ den Eisprung lediglich verschiebt, kann sie nur wirken, wenn sie rechtzeitig davor eingenommen wird.

LNG wirkt bis drei Tage vor dem Eisprung, UPA wirkt noch ein wenig länger. Der Zyklus unterliegt jedoch individuellen Schwankungen, daher können Sie nicht wissen, wann der Eisprung Ihrer Kundin stattfindet. Die „Pille danach“ ist deshalb zu jedem Zeitpunkt im Zyklus zugelassen. Relevant ist für Sie also nur die Frage, wie lange der ungeschützte Verkehr zurückliegt.

Verhütungspanne? Fragen Sie nach der Art der fehlgeschlagenen Verhütung. Während es bei fehlender Verhütung oder verrutschtem Kondom klar ist, ist nicht jede vergessene Pille eine Indikation für die Notfallkontrazeption. Informieren Sie sich im Einzelfall in der Fachinformation. Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass Ihre Kundin trotz Notfallverhütung für den Rest des Zyklus nicht geschützt ist. Sie muss weiter verhüten. Die mehrfache Notfallkontrazeption während eines Zyklus ist übrigens nicht vorgesehen.

Schwanger? Stillzeit? Klären Sie, ob möglicherweise bereits eine Schwangerschaft vorliegt. Auch wenn eine fruchtschädigende Wirkung bisher nicht gefunden wurde, ist dies eine Kontraindikation. Im Zweifelsfall raten Sie zum Arztbesuch. Stillende Frauen müssen eine achtstündige Stillpause nach LNG einlegen, nach UPA sind es sieben Tage. Fragen Sie auch nach Medikamenten, die regelmäßig eingenommen werden. UPA ist ein Substrat von CYP3A4 und kann beispielsweise die Wirkung von Phenobarbital, Phenytoin und Ritonavir abschwächen. Bei übergewichtigen Frauen scheint die Wirkung der „Pille danach“ vermindert zu sein. Da es aber keine medikamentöse Alternative gibt, ist dies kein Grund, sie zu verweigern.

Persönlich und nicht auf Vorrat Es wird empfohlen, die Packung an die betroffene Frau persönlich abzugeben. Es ist allerdings nicht verboten, das Medikament auch einem Boten mitzugeben. Für Sie ist entscheidend, dass alle Ihre Fragen zur Zufriedenheit beantwortet werden. Dies kann auch der Bote tun oder man klärt es telefonisch mit der betroffenen Frau. Erhalten Sie allerdings keine klaren Auskünfte, beispielsweise zum Zeitpunkt des ungeschützten Verkehrs, sodass Sie nicht einschätzen können, ob sich die Einnahme im zugelassenen Zeitfenster bewegt, müssen Sie die Abgabe verweigern. Auch eine Abgabe gleich mehrerer Packungen, also für den Einkauf auf Vorrat, ist im Regelfall nicht erlaubt. Raten Sie in diesen Fällen zum Arztbesuch.

Weitere Hinweise Stellen Sie klar den Notfallcharakter des Medikaments heraus und sagen Sie der Kundin, dass die Tablette so schnell wie möglich eingenommen werden muss. Im Falle von Erbrechen kann eine zweite Tablette genommen werden. Die nächste Blutung kann sich verschieben. Ein Schwangerschaftstest nach drei Wochen schafft Klarheit. Weisen Sie auch darauf hin, dass die „Pille danach“ nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Verlangt ein Mädchen unter 14 Jahren die „Pille danach“, so muss bei der Abgabe ein Erziehungsberechtigter dabei sein. Raten Sie hier auch zum (anschließenden) Arztbesuch. Eine Dokumentation des Beratungsgespräches ist übrigens nicht vorgeschrieben. Wer sich damit sicherer fühlt, kann es selbstverständlich tun. Sinnvoll ist es, dies im Apothekenteam zu besprechen und festzulegen.

Den Artikel finden Sie auch in Die PTA IN DER Schule 2015 ab Seite 48.

Sabine Bender | Apothekerin, Redakteurin

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